Die Wahrheit über den 24. Spieltag

Die Remis-Könige aus Wolfsburg haben nicht nur Martin Schmidt zerschlissen, sie sind auch unter dem neuem Mann, dem Spezialisten für die Rettung vor dem Abstieg Bruno Labbadia, ihrem Konzept treu geblieben: Nähre dich redlich und nimm besser einen Punkt mit als gar keinen. In Wolfsburg wird ein Beamtenfußball zelebriert, der nur gedeihen kann, wenn er künstlich hochgepäppelt wird wie in der VW-Stadt, wo die größte Attraktion der Bahnhof ist, um schnell woanders hinzukommen. Bruno Labbadia soll nun die Leidenschaft zurückbringen, die es da nie gegeben hat. Der Mann, der bald alle Erstligisten durch hat, wird aber auch in Wolfsburg scheitern. Er wird den Klassenerhalt nur deshalb schaffen, weil es mit Hamburg und Köln zwei Vereine gibt, die es noch eiliger haben, in die Bedeutungslosigkeit abzutauchen. Auch Hamburg hat mit Hollerbach bereits einen Trainer engagiert, den nicht mal die Vereine in der 2. Liga haben wollen, aber synonym für Kampf und Krampf steht, also genau das, was den HSV-Vereinsbossen bei ihren Spielern fehlt, weil sie glauben, nur damit bestehen zu können. In Bremen traf der »Dino« auf den Abstiegskonkurrenten, und entsprechend ansehnlich war auch das Spiel. Hollerbach hatte hinten Beton angerührt und ließ den genialen Kruse aus dem Spiel nehmen. Folge war, dass nach vorne so gut wie gar nichts stattfand, weshalb in der ersten Halbzeit die HSV-Fans mit Pyrotechnik die Initiative übernahmen, damit wenigstens ein bisschen was passierte. Zweimal unterbrach der Schiedsrichter das Spiel, und das waren auch schon die Höhepunkte der ersten Halbzeit. Belohnt wurde das Engagement der Fans nicht, denn irgendwann zahlte sich dann doch der größere Wille der Bremer aus, gewinnen zu wollen, der sich ziemlich deutlich in der Statistik ausdrückte: Von 526 Pässen kamen 104 nicht an, die Hamburger spielten 107 Fehlpässe, allerdings bei nur insgesamt 290 Abspielen, was eine ziemlich grottige Passquote von 63% ergibt. Und deshalb ist es mehr als gerecht, als den Bremern in der 86. Minute nach einem wilden Gestochere der entscheidende Treffer gelang. Hollerbach ist nicht zu beneiden, denn nach den letzten Saisons, in denen der HSV immer nur im allerletzten Moment den Hals aus der Schlinge zog, sieht aktuell nichts danach aus, als ob man das rettende Ufer noch irgendwie erreichen würde. Schade wärs nicht wirklich um den Verein, schließlich hat Hamburg doch mit St. Pauli schon einen Fußballverein. Zu was braucht man da noch den HSV? Auch die anderen Spiele waren eher zum Abwinken. Nicht mal Bayern hatte diesmal Lust, seinen eigenen Rekord von 14 Siegen hintereinander zu brechen. Hingegen schaffte Hertha einen neuen Rekord, der darin bestand, in drei aufeinanderfolgenden Auswärtsspielen zu Null gespielt zu haben. Und so jagt ein Rekord den anderen, was allerdings nicht darüber hinwegtäuscht, dass Bayern kein Rezept fand, den Herthaner Abwehrriegel zu knacken, der sich vor allem auf Lewandowsi konzentrierte, weil es sich sogar bis zum Fuchs Dardai herumgesprochen hatte, dass der in sieben oder noch mehr Heimspielen in Folge (noch irgendein Rekord) getroffen hatte. Das hieß allerdings auch, dass Heynckes auf einen Torhüter hätte verzichten können. Aber was solls, einen Punkt aus München entführt. Das ist nicht schlecht, obwohl Hertha das bei anderen Mannschaften einfacher hätten haben können.

Die Wahrheit über den 23. Spieltag

Die Liga wird hierarchisch gesehen immer flacher, und ansehen mag man sich das zunehmend öder werdende Gekicke auch nicht. Das fällt einem umso mehr auf, wenn man sich ein Spiel wie das von Real Madrid gegen PSG ansieht und dann weiß, welche Attraktivität in einem solchen Spiel stecken kann, wie präzise Pässe sein können, wie ein Rädchen sich ins andere fügt, wie Spieler wie Neymar sich zwischen seinen Gegenspielern hindurchschlängelt. Dann fällt einem plötzlich das Gewürge wie zwischen Freiburg und Bremen sehr unangenehm auf. Nun kann sich nicht jeder Verein einen Neymar leisten, aber attraktive Spiele können auch Freiburg und Bremen liefern. Vielleicht hatten sie einen schlechten Tag, was vorkommen kann, aber vermutlich war das in der vorgegebenen Taktik angelegt, dass beide Vereine unbedingt gewinnen wollten, um aus dem Abstiegssumpf herauszukommen. Und deswegen war es eben eher ein Geholze und Gebolze, ein unbedingtes Wollen, aber nicht Können. Aber so geht es fast allen Mannschaften, selbst solchen, die eigentlich um einen internationalen Platz spielen, denn sie brauchen nur zwei, drei Spiele zu verlieren, um Anschluss nach unten zu kriegen, und deshalb legt sich eine Verkrampfung über die Spiele, in denen nichts klappt und nur der Gegenspieler und der Rasen zu Schaden kommen, was nicht sehr viel ist für das Geld, das man zahlt, um sich sowas anzusehen. Dass dafür der Freiburger Trainer Streich gelobt wird, hat etwas absurdes an sich. Niemand will absteigen, das ist verständlich, aber eigentlich will auch niemand mehr in die Euroleague, denn wie man an zahlreichen Beispielen gesehen hat, wie aktuell bei Köln, heißt das, seine Existenz in der Liga zu gefährden. Wenn eine Mannschaft also mal zufällig eine gute Phase erwischt, die einen sehr schnell nach oben katapultiert, weil sonst jeder gegen jeden verlieren oder auch gewinnen kann, dann verheißt das inzwischen nichts mehr gutes. Darauf sind inzwischen auch die Vereine gekommen, dass die paar Millionen, die sie aus dem europäischen Fußball bekommen, nichts sind gegen den Verlust, den es bedeutet, aus der 1. Liga zu fliegen. Deshalb ist Neapel in der Euroleague mit einer 2. Mannschaft gegen Leipzig angetreten. Lieber will man aus dem Wettbewerb fliegen, als die vor Augen liegende italienische Meisterschaft zu gefährden. Dort liefert man sich ein Kopf an Kopf Rennen mit Juventus, und zum ersten Mal seit fünf oder sechs Jahren ist es im Bereich des Möglichen, das die Turiner mal nicht Meister werden. Und auch für Köln scheint der Preis ziemlich hoch zu sein, abzusteigen dafür, dass man einmal gegen Arsenal spielen durfte. Nur die Bayern können machen, was sie wollen, sie kriegen einfach keine Niederlage zustande, weil es niemanden gibt, der die Gelegenheit beim Schopf ergreifen würde, wenn sich die Möglichkeit schon mal bietet, wie Wolfsburg, die nicht mal eine B-Elf der Bayern davon abhalten konnten, in letzter Minute den Siegtreffer zu erzielen. Aber auch Dortmund würde sich da schwer tun, würde ihnen diese Chance mal eingeräumt werden, was nicht der Fall ist, weil die Bayern Dortmund immer noch für einen ernst zu nehmenden Gegner halten, der er aber nicht mehr ist. Inzwischen hält man sogar Schürrle für einen guten Spieler, der in Bayern nicht mal zum Training zugelassen werden würde, nur weil er mal wieder aus Zufall getroffen hat.

Über Liebe und Tod. Über Lucia Berlins neues Buch

Die Stories-Sammlung von Lucia Berlin »Was ich sonst noch verpasst habe« war 2016 eine literarische Sensation. Das Feuilleton war voll des Lobes, und wieder einmal stellte sich die Frage, wie eine so großartige Autorin so lange unentdeckt oder ignoriert werden konnte. Der Anerkennung kam jedoch zu spät, denn 2004 starb sie mit nur 68 Jahren. In dieser Zeit hatte sie so ziemlich alle Höhen und Tiefen durchgemacht, die ein menschliches Leben verkraften kann. Sie wächst als Tochter einer Alkoholikerin auf. Auch ihr Großvater ist Alkoholiker und missbraucht ihre Mutter und ihre Schwester. Sie ist ständig auf Reisen, lebt das unbeschwerte Leben in Reichtum und stürzt in völlige Mittellosigkeit. Noch minderjährig flüchtet sie aus dem Elternhaus, wird abhängig von Drogen, Alkohol, Liebhabern und kämpft sich als alleinerziehende Frau von vier Kindern wieder an die Oberfläche. Es ist ein Leben von Balzacschem Format und hätte einem Autor Stoff für Tausende von Seiten geliefert. Lucia Berlin hat jedoch ein eher schmales Werk hinterlassen. Sie hat dabei nie den Schrecken und die Qual in den Vordergrund gestellt, sondern sich immer auf Andeutungen beschränkt, sie hat ihren sehr reduzierten Stil von jeglicher Kommentierung befreit und bewies dabei ein Gespür für das Komische, das noch der bedrückendsten Situation innewohnt – eine Gabe, die sehr selten ist.
Da das erste Buch eine Auswahl ihrer Geschichten enthielt, lag die Vermutung nahe, dass der zweite nun erschienene Erzählungsband die schwächeren Arbeiten enthält, aber das ist nicht der Fall. In der Geschichte »Bis später« gleich am Anfang erzählt Lucia Berlin auf hinreißende Weise von ihrem Freund Max, der sie immer anruft, egal, wo er oder sie sich gerade aufhalten, um ihr »Hallo« zu sagen, und wie sehr sie es liebt, ihn das sagen zu hören, und wie er sie eines Tages in New York besucht, wo sie mit ihrem Mann lebt, »mit Rosen, einer Flasche Brandy und vier Flugtickets«. Und Berlin schreibt lapidar: »Ich weckte die Jungs, und wir gingen.«
Lucia Berlin beschreibt das Glück und die Liebe, ohne im geringsten kitschig zu sein. »Wir blieben so lange auf, bis der Mond groß und blass geworden war.« Und dann? »Eines Tages erwachte ich, bevor die Sonne aufging, und er war nicht da. Es war still im Zimmer. Er muss schwimmen gegangen sein, dachte ich. Ich ging ins Bad. Max saß auf der Toilette, kochte etwas in einem schwarz angelaufenen Löffel. Eine Spritze lag auf dem Waschbecken. ›Hallo‹, sagte er. ›Max, was ist das?‹ ›Das ist Heroin‹, sagte er.« Die beiden bekommen noch zwei Söhne. Sie reisen durch ganz Mexiko und die Vereinigten Staaten, lassen sich schließlich in einem Dorf an der mexikanischen Küste nieder. »Wir waren für lange Zeit glücklich, wir alle, und dann wurde es schwer und einsam, weil er Heroin viel mehr liebte.«
Später wohnt sie bei ihrer sterbenden Schwester, um sie in den Tod zu begleiten. »Wir lachen leise in ihrem Zimmer, zeichnen. Im Grunde ist die Liebe für mich kein Rätsel mehr. Max ruft an und sagt Hallo. Ich sage ihm, dass meine Schwester bald tot sein wird. Wie geht es dir?, fragt er.« Und damit endet die Geschichte. Sie hat keinen Plot und keine Moral. Sie hört einfach auf wie das Leben aufhört, unspektakulär und ohne großen Knall. Ein Mensch stirbt, das Leben geht weiter, und auch die Liebe. Und irgendwann ruft Max an und sagt »Hallo«. Niemand kann Liebe in ihrer ganzen Banalität, ihrer Tragik und Schönheit besser in einem Text zum Leuchten bringen als Lucia Berlin, denn sie wusste genau, wovon sie schrieb.

Lucia Berlin, »Was wirst du tun, wenn du gehst. Stories«, aus dem Amerikanischen und mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel, Arche, Zürich-Hamburg 2017.

Die Wahrheit über den 22. Spieltag

Obwohl nach dem Abschied von Aubameyang zu Arsenal wieder Ruhe beim BVB eingekehrt sein müsste, nach der sich alle Beteiligten sehnen, die das sogenannte »Wechseltheater« für die schlechten Leistungen der Mannschaft verantwortlich machen, wird es nicht besser auf dem Rasen. Auch gegen den ziemlich sicheren Absteiger aus Hamburg, spielten die Dortmunder nicht etwa befreit auf, und auch die Rückkehr von Marco Reus nach acht Monaten Verletzungspause ließ die Leistungskurve nicht etwa steigen, nein, vor allem in der ersten Halbzeit konnte man ein müdes und ödes Hin- und Hergeschiebe des Balles bewundern, weil jeder offenbar Angst hatte, einen Fehlpass zu prouduzieren, von Kombinations- oder One-touch-Fußball war nichts zu sehen. Nur wenn Marco Reus am Ball war, blitzte ein bisschen von dem auf, was die Dortmunder früher ausmachte. So fiel das 1:0 für die Dortmunder eher überraschend und zufällig, als ein mißglückter Torschuss des ansonsten sehr schwachen Pulisic zur Torvorlage für Batshuayi geriet. Die Hamburger aber kämpften unverdrossen weiter und setzten die Dortmunder unter Druck, und immer wieder gelang es ihnen, gefährlich vors Tor zu kommen, oder Bürki glänzte mit einer seiner Spezialitäten, indem er dem Gegner den Ball zuspielte, aber die Hamburger ließen alle Möglichkeiten konsequent aus. Kein Wunder, dass die BVB-Spieler schon zur Halbzeit ausgepfiffen wurden, obwohl sich viele über das Comeback von Reus freuten. Niemand weiß genau, woran es liegt, dass fast alle unter ihren Möglichkeiten spielen und man gegen einen tief stehenden Gegner ratlos ist. Watzke sagte auf diese Situation angesprochen in einem Interview für die FAZ, dass der BVB im internationalen Ranking immer noch auf Platz 10 zwischen Manchester City und Manchester United stehe, und man merkte sofort, da will sich einer was schön reden, denn das diese Tabelle nicht die Wirklichkeit spiegelt ist so offensichtlich, dass man Watzke zurufen möchte, träum weiter. Schließlich waren laut Watzke Dembelé und Aubameyang die letzten Spieler, die der BVB habe ziehen lassen, das habe er vor versammelter Mannschaft sehr laut und deutlich zum Ausdruck gebracht, aber als börsennotierter Verein habe man nicht so einfach die Angebote ablehnen können. Klar, es ist ja auch niemand mehr da, den ein anderer Verein unbedingt haben möchte, abgesehen vielleicht von Marco Reus, aber der ist viel zu verletzungsanfällig, um für einen englischen Verein interessant zu sein. Es gibt eben nur noch Mittelmaß beim BVB wie Schürrle, der auch in diesem Spiel wieder sehr engagiert und maximal ineffektiv auf dem Platz herumstolperte und die einfachsten Bälle verlor, der überhaupt nur eine Aktion hatte, nämlich die Vorlage auf Götze zum 2:0 in der letzten Minute der Nachspielzeit, als die Partie bereits entschieden war. Batshuayi wird sich bereits fragen, wo er da hineingeraten ist, denn wenn Toprak bereits zu den besseren Spielern zählt, kann man sich vorstellen, wie traurig die Vorstellung seiner Kollegen war, sieht man vielleicht ein wenig von Götze ab, der aber immer nur eine Halbzeit gut ist. Schließlich sagte Watzke noch, dass man wieder mehr Spieler mit dem sogenannten »Siegergen« verpflichten wolle, solche Leute wie Bender, der zu Leverkusen wechselte. Aber wenn schon solche Spieler den Verein verlassen, dann stimmt irgendetwas im Verein ganz grundsätzlich nicht.

Die Wahrheit über den 21. Spieltag

So wirklich verdient war der 3:2-Sieg der Dortmunder in Köln nicht, jedenfalls spielten sie alles andere als dominant gegen den Tabellenletzten, der durchaus auf Augenhöhe mithalten konnte. Das Spiel war ziemlich ausgeglichen und dank des Kölner Engagements wurde es sogar ein ziemlich lebendiges Spiel. Die Kölner hatten durch Jojic sogar die erste Großchance, aber der Ex-Kollege der Dortmunder schoss den Ball großzügig in die Arme von Bürki. Die Dortmunder taten sich schwer, aber als ausgerechnet Toljan, der sonst nie einen Ball in den Strafraum bekommt, es dann tatsächlich mal schaffte, stand da der Aubameyang-Ersatz und die Leihgabe von Chelsea Batshuayi bereit und zeigte seinen Kollegen mal, wie man das so in England macht. Dennoch kamen die Kölner, die sich dadurch überhaupt nicht aus dem Konzept bringen ließen, zurück, weil die Dortmunder das 1:0 offenbar über die Zeit retten wollten und die Kölner spielen ließen. Nach dem Ausgleich der Kölner kurz nach der Pause dauerte es allerdings nur zwei Minuten, bis Batshuayi den alten Toreabstand wieder herstellte, was allerdings nur durch einen Fehler in der Kölner Hintermannschaft möglich wurde und der ansonsten enttäuschende Pulisic mit der Vorlage mal einen Gedankenblitz hatte. Aber die Dortmunder schafften es auch diesmal nicht, den Vorsprung über die Zeit zu retten. Und als die Kölner erneut ausgeglichen hatten, da waren es die Rheinländer, die unbedingt einen Sieg wollten und es sich auch zutrauten. Allerdings haben sie dafür dann doch nicht das Format und liefen in einen hervorragend von Kagawa eingeleiteten Konter hinein. Batshuayi überließ den Ball dem wieder verlässlich herummurksenden Schürrle, wahrscheinlich weil er noch nicht mitbekommen hat, dass man Schürrle besser nicht anspielt, will man den Ball nicht wieder ganz schnell los sein, und natürlich rennt Schürrle los und schießt aus ziemlich großer Entfernung sinnlos aufs Tor, statt einen freien Mitspieler in Szene zu setzen, und was passiert? Vom Fuß eines Kölner Abwehrspielers abgefälscht senkt sich der Tor unhaltbar zum Siegtreffer ins Tor. Ein Glücksschuss, aber da der Ball im Tor landet, fragt niemand mehr danach, ob das klug war, was Schürrle tat, denn nach den Regeln des Fußballs hätte er den Ball unbedingt abspielen müssen. Aber genau nach diesem Prinzip funktioniert z.Z. der Fußball des BVB: dem Prinzip Hoffnung und Glück. Schon die beiden Tore gegen Freiburg waren Glückstore, und richtig herausgespielt war nur das erste Tor der Dortmunder. Auf diesem Level befinden sich gerade alle sechs Mannschaften, die sich um die Plätze hinter den Bayern balgen. Leverkusen, die noch zu den stabileren Mannschaften gehören, kommen über einen torloses Remis in Freiburg nicht hinaus, das nicht etwa glücklich für Freiburg zustande kommt, sondern durchaus leistungsgerecht ist. Schalke verliert zu Hause verdient gegen den Abstiegskandidaten Bremen, während Leipzig zur Abwechslung mal wieder gewinnt, und zwar gegen den Mitkonkurrenten auf die internationalen Plätze Gladbach. Von den letzten Liga-Spielen hatten die Leipziger nur eins gewonnen, befinden sich aber trotzdem auf Platz 3, punktgleich mit den Leverkusenern, während der BVB nur mit einem Punkt weniger auf Platz 4 steht, obwohl man von den letzten vier Liga-Spielen auch nur eins gewonnen hat. Leverkusen ist 18 Punkte von Bayern entfernt, aber nur 14 Punkte von einem Abstiegsplatz. Da müsste für Bremen noch ein Euroleague-Platz drin sein.

Die Wahrheit über den 20. Spieltag

So, wie der BVB z.Z. spielt, muss man seine Erwartungen erheblich herunterschrauben, was nicht leicht fällt, wenn man an den Anfang der Saison denkt, als es mit spielerischer Leichtigkeit gelang, hohe Siege einzufahren und sogar kurzfristig mit fünf Punkten Vorsprung auf Platz eins zu stehen. Aber selbst in dieser Phase musste sich Dortmund mit einem Unentschieden in Freiburg zufriedengeben, ein Ergebnis, das durch die folgenden ein wenig unter den Tisch fiel. Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, sich am Lieblingsgegner wieder aufzurichten, denn das letzte Mal, dass Freiburg in Dortmund Punkte holte war 2002. Andererseits sind die Freiburger nicht umsonst seit sieben Spieltagen ohne Niederlage. Und das Spiel gegen Hertha noch in frischer Erinnerung war klar, dass ein Unentschieden mehr als wahrscheinlich sein würde. Dann jedoch befand sich Aubameyang in der Startelf, mit seinem wahrscheinlich letzten Spiel vor heimischer Kulisse und sofort hatte man das Gefühl, dass er sich mit einer Glanzleistung verabschieden wollte, und wahrscheinlich war das auch sein Plan, aber mit den uninspiriert auftretenden Mannschaftskollegen, war der schnell Makulatur. Nils Petersen stehl ihm die Show. Er allein brachte die Dortmunder Abwehr ein ums andere Mal in Verlegenheit. Zwang sie zu Rückpässen, und das mit Erfolg, denn als Sahin, der es nicht schaffte, dem Spiel so etwas wie eine Struktur zu verleihen, angelaufen von Petersen zurückspielen wollte, blockte Petersen den Pass und hob den Ball mit einem 30-Meter-Schuss über Bürki zum 2:1. Dabei hatte es so gut angefangen, als Dortmund Druck machte und ein Abpraller Kagawa vor die Füße fiel, der mit einem Seitenfallzieher ästhetisch einwandfrei verwandelte. Freiburg ließ sich aber nicht beeindrucken. Haberer wurde mit einem Steilpass zur Grundlinie geschickt, während Sahin nur gemächlich hinterhertrottete. Ein scharfer Pass in den 5-Meter-Raum verwandelte Petersen zum Ausgleich, umringt von gleich drei Dortmundern, die interessiert zuguckten. Ich beschreibe das Zustandekommen der Freiburger Tore deshalb, um zu zeigen, wie dilettantisch die Abwehr immer noch zu Werke geht, während der underdog in jeden Zweikampf geht, auch wenn die Aussichten schlecht sind. Fast alle statistischen Werte sprachen für Dortmund und dennoch war die Körpersprache bei den beiden Mannschaft völlig unterschiedlich. Leidenschaft bei den Freiburger, Halbherzigkeit bei den Dortmundern, Risiko gegen einfallslose Sicherheitspässe. Den ganz anderen BVB, den Stöger in der Winterpause angekündigt hat, sucht man vergeblich. Gegen kompakt stehende Mannschaften, die als Kollektiv auftreten und nicht mal einen genialen Spieler benötigen, hat Dortmund nur bescheidene Chancen. Am Ende hatten die Schwarzgelben dann sogar noch unverschämtes Glück, denn in der Nachspielzeit schoss Toljan einen ihm vor die Füße flippernden Ball durch die Beine von gleich Freiburgern ins Tor. Dortmund hätte eigentlich nicht gewinnen dürfen, denn die beiden Tore kamen durch Zufall zustande, die beiden Freiburger Tore hingegen waren geplant und so gewollt. Als nächstes geht es nach Köln, gegen die der BVB kaum eine Chance haben wird, denn noch mehr als gegen Freiburg hat man es hier mit einem leidenschaftlich kämpfenden Gegner zu tun. Und diesem Konzept hat Dortmund z.Z. nichts entgegenzusetzen.

Die Psychopathalogie der Macht. Die süße Rache des Edward St. Aubyn an seiner Klasse

Niemand beherrscht in der Welt der Literatur die Form des herablassenden Sarkasmus und der ans Pathologische grenzenden Arroganz der Upper Class besser als Edward St. Aubyn. Er kennt diesen Stil, denn er ist in einer prominenten Familie des englischen Hochadels aufgewachsen. Für ihn war es die Hölle, weil ihn sein Vater sexuell missbrauchte. Er besuchte die Westminster School, eine sogenannte »Knabenschule«, und diese antiquierte Bezeichnung lässt bereits erahnen, welcher Terror des Mobbings und welch seltsame Riten der Demütigung da geherrscht haben, weshalb Edward St. Aubyn schon als Schüler drogenabhängig wurde.
St. Aubyn hat diese Atmosphäre täglich eingeatmet und er hätte am liebsten Selbstmord begangen. Er kam noch einmal davon und er hat es geschafft, von den Drogen loszukommen. Das Schreiben war für ihn eine notwendige Therapie und hielt ihn vermutlich sogar am Leben, mehr jedenfalls als die meisten Schriftsteller, bei denen häufig Koketterie mitschwingt, wenn sie behaupten, das Schreiben wäre für sie überlebensnotwendig.
St. Aubyn nahm mit seiner autobiographisch durchwebten »Melrose«-Trilogie den Hochadel aufs Korn, den er so auftreten ließ, wie er wahrscheinlich tatsächlich ist, in seiner ganzen Dummheit und Niedertracht, Vertrotteltheit und Ignoranz, und gerade in der Beschreibung dieser Spezies ist St. Aubyn zur stilistischen Hochform aufgelaufen. Er hat auf geniale Weise Verrat an der Klasse verübt, der er entstammt, er hat sie auf eine Weise lächerlich gemacht, dass das Vergnügen daran so groß ist wie sonst nur an einem Drei-Sterne-Menü.
In seinem neuen Buch „Dunbar und seine Töchter“ hat St. Aubyn Shakespeares „König Lear“ neu bearbeitet. Der ins Alter gekommene Medienzar Henry Dunbar hat bei der Regelung seiner Nachfolge seine innig geliebte Tochter Florence aus Gründen verletzten Stolzes und seinen engsten und ihm treu ergebenen Berater verstoßen, um sein Imperium seinen beiden anderen Töchtern Abigail und Megan zu vermachen. Die sind aber die Bösen und sie nutzen die erste Gelegenheit, um ihn nach einem Schwächeanfall in einem Sanatorium medikamentös ruhig zu stellen und abzumelden, um möglichst schnell möglichst viel aus dem Unternehmen herauszuschlagen. In der Anstalt, wo der Machtmensch Dunbar plötzlich konfrontiert wird mit seiner Machtlosigkeit, dämmert ihm, dass der letzte entscheidende Schritt bei der Übergabe der Geschäfte falsch war.
Zusammen mit einem Patienten, dem Fernsehkomiker und Alkoholiker Peter Walker, flieht er aus dem Sanatorium und bringt dadurch den Stein ins Rollen, ein Drama mit shakespearschen Ausmaßen. Alle begeben sich sofort auf die Suche, weil es von entscheidender Bedeutung ist, wer zuerst seiner habhaft werden kann. Davon hängt ab, ob das von Dunbar aufgebaute Multiunternehmen erhalten bleibt oder aufgeteilt wird. Aber das ist nur das Hintergrundrauschen für die Motive der handelnden Personen, um die Geschichte voranzutreiben.
Die Protagonisten sind in gewisser Weise eindimensional, oszillierende Charaktere gibt es nicht, ebensowenig ein Zwischenreich der Uneindeutigkeit. Es sind Getriebene, die ihre Rolle bis zum Ende spielen, und selbst der Opportunist bleibt sich selbst treu und wechselt zur jeweils vielversprechenderen Seite, d.h. entweder zu den Guten oder zu den Bösen, ohne sein Wesen ändern zu müssen. Wenn also St. Aubyn kapitelweise wechselnd mit inneren Monologen offenlegt, wie die einen oder die anderen ticken, dann stellt man schnell fest, dass wie in jedem Western oder Abenteuerfilm die Guten ein bisschen fade wirken, fast schon selbstgenügsam, während man beim bösen Geschwisterpaar in Abgründe blickt, die sofort die Spannung erhöhen. Die beiden sind in ihrer Bosheit und ihrem Hass um einiges brillanter und unterhaltsamer als die grundanständige Florence, die selbstlos ihrem Vater helfen will und an seinem Unternehmen gar nicht interessiert ist, die glücklich verheiratet ist, Kinder hat und der es auch sonst an nichts fehlt.
Wenn sexbesessene Megan hingegen träumt, dass sie das Sanatorium am liebsten „von der Erdoberfläche tilgen würde“, „fände sie die Zeit dafür“, und wenn sie sich darüber empört, dass die Verantwortlichen „den Eindruck schuldig geblieben waren, dass der Mariannengraben zu flach zur Aufnahme ihrer Schande sei“ und man doch eigentlich erwarten dürfte, „dass sie nach Dunbars Auffinden als kleinen Beitrag zur Wiedergutmachung sich selbstverständlich das Leben nehmen würden“, dann will man von dieser eleganten Bösartigkeit einfach mehr. „Natürlich waren sie beide scharf auf die Nachfolge von Daddy, aber wenn es keinen Spaß machte, wozu dann das Ganze?“ Megan entpuppt sich als Psychopathin, die vor keinem Mittel zurückschreckt, nicht nur weil sie sich durch ihre Machtposition geschützt glaubt, sondern weil sie bei jeder neuen Grenzüberschreitung immer wieder neu den Kitzel des Verbotenen spüren will, wie ein kleines Kind, das jedes Mal neu testet, wie weit es gehen kann. Im Unterschied aber zum Kind ist ihre Habgier, die vor nichts zurückschreckt, nicht niedlich, sondern zutiefst asozial.
Jeder Leser ist fasziniert vom Verbrechen der außerhalb des Rechts stehenden Macht, von Intrige und Niedertracht. Bei St. Aubyn wird man in diesem Genre unvergleichlich gut bedient, weil er diesem Milieu entstammt. Er gestattet einem tiefe Einblicke in die Psyche, ohne die Sicht nur auf das Monströse und Spektakuläre zu beschränken. Er beschreibt nicht das Grauen, sondern die menschliche Komödie, in der trotz aller Tragik das Absurde und das vergebliche Streben zum Vorschein kommt, und damit hat er Skakespeare und dieser Komödie einen glänzenden Auftritt verschafft.

Edward St. Aubyn „Dunbas und seine Töchter“, aus dem Englischen von Nikolaus Hansen, Knaus, München 2017, 253 Seiten

Die Kunst der Provokation. Das Phänomen Houellebecq entschlüsselt

Als Michel Houellebecq in einem Interview 2001 nach der Lektüre des Koran den Islam »die bescheuertste Religion von allen« nannte, war die Aufregung groß. Mehrere muslimische Verbände zeigten ihn an und verlangten, das TV-Literaturmagazin »Campus« auf France 2 vor der Ausstrahlung zu sehen, um solche Aussagen zu zensieren. Ein Szenario, das wie geschaffen war für Houellebecq, denn es hätte aus seinem Roman „Unterwerfung“ sein können. Houellebecqs Kommentar zu dem umstrittenen Satz, in der dann ausgestrahlten Fernsehsendung lautete: »Der Islam, die bescheuertste Religion der Welt? Das hängt vom Tag ab.« Und auch diese Nonchalance haben ihm seine Kritiker wohl kaum als Zugeständnis ausgelegt, denn ihnen dürfte völlig zu recht geschwant haben, dass Houellebecq sie nicht ernst nimmt.
Als Provokateur hat, wie die FAS-Redakteurin Julia Encke in ihrem neuen Buch »Wer ist Michel Houellebecq?« sehr material- und kenntnisreich ausbreitet, sich der Schriftsteller große Verdienste erworben. Er hat aber nicht nur den Zorn der Muslime auf sich gezogen, sondern auch eine ungewöhnliche Abneigung eines großen Teils des französischen Kulturbetriebs hervorgerufen, der einerseits zur Skandalisierung seiner Bücher beigetragen hat, es aber andererseits degoutant findet, dass der Autor dadurch berühmt wurde und nicht etwa durch die literarische Qualität, bzw. das, was das Feuilleton glaubt, es wäre eine. So entstehen Feindschaften fürs Leben. Das Feuilleton, vor allem das französische, leidet darunter, dass es eine Figur erschaffen hat, die der Betrieb nicht mehr los wird, die ein munteres Eigenleben führt, und das, obwohl man den Lesern ausführlich mitteilt, wie wenig Houellebecq taugt.
Julia Encke, die Houellebecq häufig getroffen hat, geht es jedoch nicht nur um den Provokateur Houellebecq, sondern auch um den »Schriftsteller«, den »Romantiker«, den »Gewinner« und den »Visionär«, wie die Kapitel des Buches heißen. Aber in welcher Rolle auch immer sich der Autor äußert, er ruft sofort seine Widersacher auf den Plan. So z.B. mit seiner Beobachtung, dass man die Ehe abschaffte, würde man die Prostitution verbieten, wie das viele liberale Stimmen mit den besten Absichten fordern, ohne zu sehen, wie ihnen Houellebecq vorwirft, dass dies für die europäischen Gesellschaften auf einen »Selbstmord« hinausliefe. Seine Diagnose wurde sofort als Polemik missverstanden, u.a. auch von Barbara Vinken, die in der NZZ schrieb, Houellebecq mache sich »zum Sprachrohr einer völlig erotikfreien, spießbürgerlich-kapitalistisch-verdinglichten Doppelmoral«.
Houellebecqs Erfolg, scheibt Julia Encke, besteht darin, dass er einer Art »neuem Realismus« verpflichtet sei, indem er den »durchschnittlichen Menschen« zu seinem Sujet gemacht habe. Dieser gewöhnliche Mensch ist nicht angenehm, und er bietet eine große Projektionsfläche, denn in einer »für den einzelnen unerträglich« gewordenen neoliberalen Gesellschaft erweist sich der Mensch als äußerst anpassungsfähig und zugleich sperrig und widerspenstig, wenn er seinen Hass in den sozialen Medien auslebt. Der Mensch, wie ihn Houellebecq in seinen Romanen beschreibt, ist »der absoluten Unumkehrbarkeit von Verfallsprozessen« ausgeliefert, d.h. die Mitglieder der Gesellschaft sind nicht nur einem unerbittlichen Konkurrenzkampf ausgesetzt, als vereinzelte Nomaden haben sie auch ihre alten Gewissheiten verloren und irren ziellos umher, monströse Gestalten, die ihrer sozialen Fähigkeiten verlustig gingen. Diese Konstante in Houellebecqs Romanen ist ziemlich deprimierend, aber als Zustandsbeschreibung durchaus realistisch. Mit einem gewissen sarkastischen Vergnügen zeigt Houellebecq die psychischen Abgründe auf, in die die Menschen unter diesen Voraussetzungen stürzen. Er kennt dieses Milieu, weil er selbst in Firmen gearbeitet hat, in denen er studieren konnte, wie die neoliberale Realität die menschliche Psyche deformiert. Dabei verwischt Houellebecq, wie Encke zeigt, immer mehr die Grenzen zwischen sich als Autor und seinen Protagonisten, bzw. vielleicht ist es gar kein Verwischen, sondern einfach eine partielle Übereinstimmung, die bei so ziemlich jedem Autor vorkommt, nur dass sie bei Houellebecq zum Skandal wird, weil seine Figuren eben keine sympathischen Menschen mit hehren Vorstellungen sind.
Houellebecqs Romane sind nicht besonders gut geschrieben, sie entwickeln keinen Sog, sie bereiten kein Vergnügen. Allerdings legt der Autor, wie Julia Encke nachweist, auch gar keinen Wert darauf, »Stil zu haben«, die Vorwürfe des »ärmlichen«, »ungelenken« »kraftlosen« Stils sind also für ihn keine Kritik, mit der er sich auseinandersetzen müsste.
Wenn man einen brillanten Stil liebt, muss man seine Bücher auch nicht lesen, aber wenn man sie liest, muss man sich mit ihnen und dem Autor auseinandersetzen, und dank Julia Encke weiß man jetzt, auch wenn man Houellebecq nicht gelesen haben sollte, dass er mit seiner radikalen Gesellschaftskritik auf sehr intelligente Weise mit den Erwartungen und Vorurteilen der Medien spielt, die schnell dabei sind, jemanden in die rechte Ecke zu stellen, weil er den ideologischen Konsens einer neoliberalen Gesellschaft desavouiert. Dass er dafür den Kulturbetrieb ausnutzt und letztlich auch mitmacht, kann man ihm dabei kaum vorwerfen.

Julia Encke, »Wer ist Houellebecq? Porträt eines Provokateurs«, Rowohlt Berlin, 252 Seiten

Die Wahrheit über den 19. Spieltag

Aubameyang kehrt nach dem sich abzeichnenden desaströsen Verlauf der Saison dem BVB nun endgültig den Rücken und versucht, durch sein unwilliges Verhalten der Vereinsführung die Entscheidung, ihn zu Arsenal ziehen zu lassen, zu erleichtern. Das ist für den Fan nicht schön, wenn wieder einer der wirklich Guten den BVB verlässt, aber auch durchaus verständlich, denn die Mechanismen im Profigeschäft sind so, dass jeder als Vollidiot gilt, der das nicht täte und entsprechend seinem Marktwert das Maximale herauszuholen versucht. Und das ist nicht nur im Fußball so, sondern überall auf dem freien Markt. Wenn Heynckes also einen Appell gegen diese Gepflogenheiten richtet, dann ist das nicht nur naiv, sondern auch zynisch, denn er selbst hat sich diesen Marktgesetzen unterworfen, und nicht nur das, er arbeitet für einen Verein, der diesen Neoliberalismus in der Liga durch seine marktbeherrschende Position schon immer praktiziert hat. Ich erinnere mich vage daran, wie Bayern Mario Götze geholt hat, und sich dabei nicht gerade dem fair play verpflichtet fühlte. Inzwischen muss Bayern allerdings sowieso nur noch kurz zu winken und der Spieler steht sofort bereit und lässt trotz gegenteiliger Bekenntnisse, die er mal für seinen alten Verein gegeben hat, diesen im Regen stehen, wie man gerade wieder bei Goretzka beobachten kann. Wenn Heynckes also die Spieler an ihre »Verantwortung« erinnern will, so ist die wohl kaum zu trennen von der Verantwortung, die die Vereine auch nicht haben. Und weil sich das ganz öffentlich abspielt, kann jeder beobachten, dass es im internationalen Fußball eine Nahrungskette gibt, und ganz oben stehen vier, fünf englische Mannschaften, drei spanische, Paris St. Germain und Bayern. Nicht mal Juve gehört da mehr dazu, bzw. ist in die zweite Kategorie gerutscht, denn auch Turin konnte einen Pogba nicht halten. Deutlicher als sonst wird das alles nur dadurch, weil durch den Megatransfer von Neymar etwas in Rutschen geraten ist und fast alle Vereine durch absurde Magedeals sich möglichst weit oben in der Hierarchie behaupten wollen, wo die wirklich großen Summen generiert oder verbrannt werden, denn der Fußball ist immer noch ein Spekulationsgeschäft. Wenn Heynckes also von »Verantwortung« schwafelt und dafür auch noch gelobt und bewundert wird als moralisch integere Person, so könnte man vielleicht glauben, er sei ein bisschen dumm, in Wirklichkeit aber gehört das einfach zum Geschäft, Heynckes suggeriert durch seine Kritik, dass es so etwas wie Fairness im Fußballgeschäft noch gebe, und das in der einer Zeit, in der die Financial Fairplay-Richtlinien der Uefa noch nie so unterlaufen wurden wie in Zeiten der großen Tranfers. Natürlich schreibe ich das nur, weil es über den BVB nichts gutes zu berichten gibt, außer dass sich nun auch noch Schürrle zu Wort gemeldet hat, der das Verhalten Aubameyangs kritisiert, obwohl er gemessen an seinem geringen Talent nicht nur einer der größten Transferabsahner gewesen ist, sondern auch als Nutznießer der Aubameyangschen Lustlosigkeit seine fußballerische Unfähigkeit unter Beweis stellen darf, wie gerade eben in Berlin, wo er sehr engagiert über den Platz hastete, ohne dass ihm etwas gelungen wäre. Es ist bitter, dass der BVB alle seine wirklich guten Spieler verloren hat und sich nun offenbart, dass der Rest gerade mal gut genug ist, um im oberen Drittel herumzukrebsen, weil es ihm nicht einmal mehr gelingt, gegen mittelmäßige Mannschaften wie Hertha mehr zustande zu bringen als ein uninspiriertes Gekicke und ein unansehnliches Unentschieden. Es tröstet dabei nicht wirklich, dass die Konkurrenz auch nicht viel besser ist.

Die Wahrheit über den 18. Spieltag

Die Bayern zieht wieder seine einsamen Kreise an der Tabellenspitze und niemand in weiter Sicht, der ihnen in irgendeiner Weise gefährlich werden könnte. Auch nicht die zuletzt ziemlich stark auftretenden Leverkusener, die zwar ein paar Chancen herausspielen und verdatteln durften, die aber die Überlegenheit der Münchner nie ernsthaft in Zweifel zogen, nicht einmal gegen einen Ribery, der mit 34 im Spitzenfußball schon als Dinosaurier gilt. Im Abstand von 13 Zählern tummelt ein dicht gestaffeltes Mittelfeld von neun Mannschaften, zwischen denen gerade mal 5 Zähler Unterschied liegen. Und in diesem Mittelfeld herrschen Mittelmaß und große Leistungsschwankungen. Jeder kann sich hier gegen jeden blamieren, auch gegen Mannschaften, die ganz unten stehen. So schaffen es die auf Platz 7 stehenden und um einen internationalen Wettbewerb spielenden Augsburger mal gerade mit Mühe und Not ein 1:0 gegen ein schwaches Hamburg, das jede Inspiration missen lässt und wie schon in den letzten Jahren um den Abstieg bettelt, der von den Vereinsstrukturen begünstigt wird, aber nicht sein darf. Immerhin kann man sich in Hamburg mit der Elbphilharmonie trösten. Auch mit ihr hat man Millionen in den Sand gesetzt, aber sie ist wenigstens über die nächsten Jahre ausverkauft. Das lässt vom Hamburger Sportverein nicht behaupten, und es verwundert sehr, mit welcher Langmut und großartigen Frustrationstoleranz die Hamburger dem »Tennisverein mit angeschlossener Fußballabteilung« (Harry Rowohlt) bei einem Gekicke zugucken, das man sich auch wesentlich billiger auf irgendwelchen Bolzplätzen ansehen kann. Vielleicht sollte man ein Jahr in der 2. Liga Pause machen und sich regenerieren, um so wie Hannover als Phönix aus der Asche wieder aufzusteigen und auf erstaunliche Weise zu brillieren. Gegen Mainz holte man einen 2:0-Rückstand nicht nur auf, sondern verwandelte ihn in einen Sieg, weil die Mannschaft sich einfach nicht aufgibt und immer an seine Möglichkeiten glaubt. Hier stimmt das Mannschaftsgefüge, das in Dortmund einen Knacks hat, weil man nicht mehr über die eigenen Möglichkeiten hinausgeht. Und plötzlich sieht man da eine ganz normale Mannschaft, die wie jede andere mittelmäßige Mannschaft ohne überraschende Momente die Bälle verwaltet, und der Wille, gewinnen zu wollen, zu eigenartigen Verkrampfungen führt. Bei Peter Bosh, deutete Guerreiro einmal an, hätte niemand mehr so genau gewusst, was er zu tun hatte. Ob Stöger einen Masterplan hat, der den Dortmundern den alten Schwung wieder zurückgibt und der ihnen soviel Fans zugeführt hat, mag man nicht glauben. Aber die Situation der Dortmunder ist auch nicht besonders einzigartig, auch Real Madrid leidet unter extremer Erfolgslosigkeit. Real liegt nun schon 16 Punkte hinter Barcelona und verlor das letzte Punktspiel zu Hause gegen Villarreal zwar etwas unglücklich, aber eben doch 1:0. Es hatte nichts genützt, dass Zidane versucht hatte, den ganzen Unwillen auf sich zu ziehen. Umso bitterer ist es, dass es trotz dieser Schwäche in der Liga gegen den BVB noch dicke reichte, und irgendwie ist das ziemlich deprimierend, weil das schon ein wenig über die Schwäche der deutschen Klubs auf internationaler Ebene aussagt. Aber es gibt natürlich auch kein Fairplay. ManU plant schon wieder eine »Transfer-Offensive«, Real Madrid hat angeblich 600 Millionen für Neymar geboten, Barcelona hat sich nun auch noch Liverpools Coutinho für 160 Millionen geholt. Und der BVB kriegt in diesem Konzert gerade noch einen Verteidiger aus Basel, den niemand kennt, für erstaunliche 21,6 Millionen, die damals nicht mal Reus gekostet hat.